Wie vorgestern

Ich erinnere mich an das Gefühl heißer Wachstropfen auf meinen Händen. Auf der Straße, auf dem Friedhof, die Bilder fließen ineinander. 1989, die Mauer ist offen. Montag für Montag sind wir mit tropfenden Kerzen durch die Stadt gezogen. Erst schweigend, irgendwann mutiger, auch lauter. „Wir sind das Volk“, steht auf Bettlaken geschrieben. „Sonne der Gerechtigkeit“ singen wir und „Wach auf, wach auf, du deutsches Land.“ Die Mauer ist offen, später das ganze Land. Das Gekannte ist plötzlich ohne Geltung, das Neue aber noch nicht zu fassen – euphorische Unsicherheit. Ich bin zwölfeinhalb, es fühlt sich an wie vorgestern.
Wachstropfen auch auf dem jüdischen Friedhof. Wir erinnern uns an die Novemberpogrome, benennen die Grausamkeit, erschaudern, strecken die kalten Hände aus nach haltenden Gebeten. Die Kerzen beleuchten das Schwarzweiß dieser Abende, Jahr für Jahr. Ich bin neun oder fünfzehn, so viel wiegt geerbte Schuld, denke ich, Schuld, die nicht weggeht; es fühlt sich an wie vorgestern. Mehr als 30 Jahre später erschießt, genau dort, vor der Hallenser Synagoge, ein Rechtsextremist eine Frau und einen Mann. An der Synagogentür scheitert er. Zweifacher Mord, 68-facher Mordversuch: Der Täter, 1992 geboren, wird zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.
Ich erinnere mich an das Gefühl heißer Wachstropfen auf meinen Händen. An das Leuchten der Kerzen. An den Schmerz des Wachses. Ich bekomme diesen Novembertag nicht zu fassen.

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  • Chance

    Lieber Matthias, vielleicht ist das die Chance dieses Tages. Wir haben ihn nicht im Griff und damit kann er wirken und nachwirken bei Jung und Alt. Vor allem bei den Jungen muss er lebendig sein mit all seinen Facetten, mit Schmerz und Freude. Darin liegen viele Möglichkeiten. Leuchtende Grüße Dorette